Im Sommer verändert sich der Kimono. Die Stoffe werden leichter, die Gewebestruktur offener und die einzelnen Lagen beginnen, mit dem Licht zu spielen. Ro und Sha wirken aus der Entfernung oft zurückhaltend. Erst aus der Nähe erkennt man die feinen Zwischenräume, durch die der Stoff beinahe transparent erscheint.
Für mich liegt genau darin die besondere Schönheit des Sommerkimono: Er versucht nicht, seine Leichtigkeit zu verbergen.
Kleidung, die ihre Jahreszeit zeigt
Kimono folgt traditionell dem Wechsel der Jahreszeiten. Im Hochsommer werden ungefütterte Kimono aus luftigen Geweben wie Ro oder Sha getragen. Auch Obi, Juban und Zubehör werden leichter gewählt, damit die gesamte Zusammenstellung zur Jahreszeit passt.
Dabei geht es nicht nur darum, bei warmem Wetter möglichst wenig zu tragen. Sommerkimono besitzt eine eigene Bildsprache. Durchscheinende Stoffe, kühl wirkende Farben und Motive wie Wasser, Gräser, Fächer oder Goldfische lassen bereits beim Ansehen an den Sommer denken.
Die Kleidung soll nicht nur an die Temperatur angepasst sein. Sie soll die Atmosphäre der Jahreszeit sichtbar machen.
Ro: Rhythmus im Gewebe
Ro erkennt man an den feinen, regelmäßig angeordneten Zwischenräumen im Stoff. Sie bilden horizontale Linien, die dem Gewebe einen ruhigen Rhythmus verleihen.
Je nach Farbe und Lichteinfall kann Ro sehr unterschiedlich wirken. Helle Stoffe erscheinen beinahe schwebend, während dunkle Farben durch die offene Struktur weniger schwer wirken als bei einem dicht gewebten Kimono.
Besonders interessant wird Ro, wenn mehrere Lagen aufeinandertreffen. Der Juban bleibt unter dem Kimono teilweise sichtbar und beeinflusst dessen Wirkung. Was darunter getragen wird, ist deshalb nicht nur praktisch, sondern Teil der Gestaltung.

Sha: Leichtigkeit ohne regelmäßige Linien
Auch Sha besitzt eine offene, luftige Struktur. Im Gegensatz zu Ro zeigt das Gewebe jedoch nicht dieselben deutlich erkennbaren horizontalen Linien. Dadurch kann Sha besonders fein und transparent erscheinen.
Aus der Nähe lässt sich erkennen, wie komplex diese scheinbare Leichtigkeit eigentlich ist. Der Stoff wirkt zart, verlangt beim Weben und bei der Verarbeitung jedoch große Präzision.
Gerade diese Verbindung gefällt mir am Sommerkimono: Er sieht mühelos aus, obwohl hinter seiner Wirkung viel Wissen und handwerkliche Erfahrung stehen.

Sommerkimono in Deutschland tragen
Die traditionellen Jahreszeitenregeln des Kimono entstanden unter japanischen klimatischen und gesellschaftlichen Bedingungen. In Deutschland stimmt das Wetter jedoch nicht immer mit dem Kalender überein. Ein heißer Tag kann früh beginnen, während der eigentliche Sommer plötzlich kühl und regnerisch wird.
Deshalb betrachte ich die Regeln als Orientierung und nicht als starre Grenze. Entscheidend ist, die Idee dahinter zu verstehen: Material, Farbe und Zusammenstellung sollen zur tatsächlichen Jahreszeit und zum Anlass passen.
Wer weiß, warum bestimmte Stoffe im Sommer getragen werden, kann bewusst entscheiden, wie diese Tradition im eigenen Alltag sinnvoll weiterlebt.

Die Details machen den Unterschied
Bei einer sommerlichen Zusammenstellung achte ich nicht nur auf den Kimono selbst. Auch ein leichter Nagajuban, ein passender Sommerobi und zurückhaltende Accessoires tragen zum Gesamteindruck bei.
Durch die transparenten Stoffe werden außerdem Details sichtbar, die bei einem gefütterten Kimono verborgen bleiben würden. Die Länge des Juban, die Farbe der darunterliegenden Schicht und selbst die Verarbeitung der Nähte können die Wirkung beeinflussen.
Sommerkimono zeigt deshalb besonders deutlich, dass eine Koordination nicht aus einzelnen schönen Stücken besteht. Entscheidend ist, wie sie miteinander wirken.

Eine kurze Jahreszeit
Ro und Sha werden nur während eines begrenzten Teils des Jahres getragen. Vielleicht fühlen sie sich gerade deshalb so besonders an. Sie begleiten eine kurze Zeit mit langen Tagen, warmem Licht und dem Wunsch nach etwas, das bereits beim Ansehen ein wenig Kühle vermittelt.
Der Sommerkimono ist nicht einfach eine leichtere Version des gewöhnlichen Kimono. Er besitzt eine eigene Materialität, eigene Regeln und eine Schönheit, die erst durch Licht und Bewegung vollständig sichtbar wird.
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